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Leseratgeber

Lesen, so der irische Literatur-Nobelpreisträger William Butler Yeats (1865-1939), ist "... die geübte Fähigkeit, Seiten zu überblättern, auf denen man nichts versäumt". Dieses "geflügelte Wort" darf getrost auch auf die Lektüre wissenschaftlicher Texte bezogen werden, gilt es doch gerade dort oft, aus einem umfangreichen Angebot die für die jeweilige Fragestellung relevanten Aussagen und Passagen herauszufiltern - der fast schon legendäre "Rückriem" (1) spricht an dieser Stelle von "selektivem" Lesen. Michelmann/Michelmann (2) bringen es in ihrem ausgesprochen spannenden und unterhaltsamen Buch "Effizient und schneller lesen" auf die einfache Formel "... nur wenig zu lesen und trotzdem informiert zu sein".

Auf dem kaum mehr zu überblickenden Markt an "Leseratgebern" und "Lese-Trainingsprogrammen" ist immer wieder die Rede von einer Vervielfachung der Lesegeschwindigkeit durch Tricks & Techniken wie Blickspannenerweiterung oder schnellerer Fixierung des Gelesenen. Solche und ähnliche "Wundermittel" funktionieren nicht, denn Lesen beruht zunächst einmal auf physiologischen Bedingungen des Auges, die nicht durch Willenskraft, Training oder Meditation beeinflusst werden können (3). Dazu gehört die Tatsache, dass das Blickfeld beim Lesen - abgesehen von kaum nennenswerten individuellen Unterschieden - nur etwa die Größe eines Fünfmarkstückes hat, ebenso, wie der Umstand, dass das Auge etwa 1/4 Sekunde braucht, um einen Gegenstand scharf auf der Netzhaut abzubilden.

Realistisch ist: Sie werden dann besser und schneller lesen,

  • wenn Sie viel lesen,
  • wenn Sie einen angemessenen Lesekontext herstellen,
  • wenn Sie nicht einfach drauflos lesen, sondern das Lesen organisiert und systematisch angehen.

1. Viel lesen:

Viel lesen heißt - wenn es um wissenschaftliches Arbeiten geht - viel "Wissenschaftliches" lesen. Die Lektüre von Unterhaltungsliteratur bringt - außer dass die Lesekultur gepflegt wird - keinen echten Nutzen für den Umgang mit wissenschaftlichen Texten. Ziel ist es weniger, ein Buch von der ersten bis zur letzten Seite zu lesen - Ziel ist die Kompetenz, mit einem wissenschaftlichen "Produkt", das aus vielen einzelnen Elementen, wie Vorwort, Inhaltsverzeichnis, Zusammenfassung(en), Literatur- und Stichwortverzeichnis - um nur einige zu nennen - besteht, umzugehen. Diese Kompetenz kann sich nur durch ständige Übung und Anwendung entwickeln, erhalten, verbessern.

Für den Einstieg: Beschleunigen Sie nicht sofort von 0 auf 100, indem Sie sich stundenlang durch ein wissenschaftliches Werk quälen. Beginnen Sie mit regelmäßigen (d.h. möglichst täglichen), dabei zunächst aber kurzen Leseeinheiten (ca. 15 Minuten), die sie innerhalb von 4 Wochen auf eine tägliche Leseleistung von 45 Minuten steigern. Das Lesen wissenschaftlicher Texte wird auf diesem Wege zu einem selbstverständlichen Vorgang.

2. Einen angemessenen Lesekontext herstellen

Wenn Sie lesen, dann tun Sie dies unter geeigneten Bedingungen. Lesen Sie wissenschaftliche Texte nicht

  • vor dem laufenden Fernseher oder unter dem Einfluss anderer Störquellen,
  • wenn Sie auf der Couch oder im Bett liegen und der einzige Erfolg des Buches darin besteht, Sie einschlafen zu lassen,
  • unter schlechten Lichtbedingungen (vgl. hierzu das Kapitel Arbeitsplatz),
  • unter schlechten Zeitbedingungen.

Das Lesen eines wissenschaftlichen Textes sollte ein exklusiver Vorgang sein,

  • für den genügend Zeit verfügbar sein muss,
  • der am Schreibtisch unter guten Lichtbedingungen stattfindet,
  • für den begleitende Materialien wie Papier, Bleistift, Textmarker Notizen und Kennzeichnungen bereitliegen sollten.

Lesen unter schlechten Bedingungen führt weder zu einem echten Verstehen,  noch ermöglicht es ein längerfristiges Behalten des Gelesenen.

3. Organisiertes und systematisches Lesen

Schon 1811 hat der Berliner Philosophie-Professor Johann G. Kiesewetter (4) Ratschläge zum richtigen Lesen veröffentlicht, von denen viele - obwohl sprachlich heute eher gewöhnungsbedürftig - noch immer Gültigkeit haben.

Man wähle zur Lesung eines Werkes die schickliche Zeit ... .

Man sammle sich ehe man zu lesen anfängt und hüte sich während desselben vor Zerstreuung.

Man durchlaufe die Inhaltsanzeige um mit dem Ganzen und den Haupttheilen desselben oberflächlich bekannt zu werden.

Man lese wo möglich in einer bestimmten Rücksicht.

Man unterbreche wo möglich seine Lectüre nicht mitten im Zusammenhang eines Abschnitts.

Man excerpiere die vorzüglichsten Stellen welche man nicht gern vergessen möchte ... .

Man unterhalte sich mit seinen Freunden über das Gelesene.


Kiesewetters Empfehlungen sind u.a. auch Ausdruck für das Bemühen, Lesen - soweit es um wissenschaftliche Anliegen geht - aus einem eher beliebigen und zufälligen in einen systematischen Zusammenhang zu bringen. Nach Kiesewetter beginnt dies mit der Wahl der richtigen Lesezeit und endet, um den Leseertrag zu sichern, in der Kommunikation des Gelesenen.

Gehen Sie den Lesevorgang organisiert und systematisch an. Dazu - Professor Kiesewetter ergänzend - noch einige methodische Hinweise:


Erstens: Fangen Sie erst dann an, ein Buch zu einem Spezialthema zu lesen, wenn Sie sich einen Überblick über das Gesamtthema verschafft haben. Bevor Sie sich also mit einer Fachveröffentlichung vertiefend auf das Phänomen des "entdeckenden Lernens" einlassen, informieren Sie sich in einem Nachschlagewerk global über den Begriff des Lernens und die entsprechenden Theorieansätze. Dieses Verfahren erleichtert nicht nur das Verständnis, in der Summe spart es auch Zeit.

Zweitens: So wie es dringend erforderlich ist, der Klärung einer Einzelfrage die Klärung des Gesamtzusammenhanges voranzustellen, so sollten Sie sich zunächst einen Überblick über das "Ganze" eines Buches verschaffen, bevor Sie es im Detail lesen. Michelmann/Michelmann (5) nennen dies sehr zutreffend "planvolles Nicht-Lesen". Etwas wissenschaftlicher sprechen Rückriem/Stary/Franck (6) an dieser Stelle von kursorischem Lesen: "Dabei erfährt man nicht was, sondern nur worüber ein Autor schreibt." Ziel ist eine Erstinformation, die die eigentliche Lektüre erleichtert.

Kursorisch lesen heißt:

  • den sog. Klappentext lesen, der Auskunft gibt über Autor, Inhalt und Zielsetzung des Buches aus Sicht des Verlages und/oder des Verfassers

  • das Inhaltsverzeichnis studieren, um die Gesamtstruktur des Textes sowie die Gewichtung einzelnen Themen und Passagen zu erfassen.

  • die Einleitung und das Schlusswort lesen. Während gute Einleitungen in die Thematik einführen und einen "roten Faden" durch den Text legen, bieten gute Schlussworte einen kurzen und übersichtlichen Rückblick auf Fragen und Antworten. Einleitung und Schlusswort zusammen können also eine - oft schon ausführliche -  Übersicht über einen umfassenden Text liefern.

  • mit dem Literaturverzeichnis die dem Text zugrundeliegenden Quellen erfassen und damit Auskunft über wissenschaftliche Positionen, Ausführlichkeit der Diskussion und Aktualität der Veröffentlichung erhalten.

  • die Qualität des Stichwortverzeichnisses - soweit vorhanden - durch Anwendung auf zentrale Begriffe prüfen.

  • das Buch insgesamt durchblättern - dabei Anfänge und Schlussteile von Kapiteln anlesen, um festzustellen, ob Teile des Buches auch unabhängig vom Gesamtzusammenhang gelesen werden können - beim Durchblättern erfahren, ob es ergänzende Illustrationen, Praxisbeispiele, Zwischenzusammenfassungen, Lernfelder usw. gibt.

Drittens: Als Ergebnis des kursorischen Lesens entwickeln Sie einen Lesefahrplan für das intensive, studierende Lesen. Beantworten Sie dabei Fragen wie: "Muss das Buch ganz gelesen werden? - Benötige ich nur einzelne Kapitel zur Klärung meines Anliegens? - Welche Passagen beziehen sich auf meine Fragestellung?"

Viertens: Lesen Sie die ausgewählten Texte sorgfältig und genau. Nehmen Sie "... Satz für Satz und Abschnitt für Abschnitt eines Textes auf, in der Absicht, alles zu verstehen" (7).

Fünftens: "Nur keine falsche Pietät vor bedrucktem Papier" (8). Um das Gelesene für den weiteren Arbeitsprozess (Lernen, Aufnahme in einen eigenen wissenschaftlichen Text)  zu sichern, kennzeichnen Sie die wichtigsten Textstellen durch Hervorhebungen mit dem Textmarker und/oder Randbemerkungen. Eine solche Textbearbeitung ist natürlich nur in eigenen Büchern statthaft. In fremden Büchern sind selbstklebende Zettel zu empfehlen, die später leicht wieder entfernt werden können.

  • Kennzeichnen Sie einzeln Worte oder Sätze erst dann, wenn Sie den Text wenigstens einmal komplett gelesen haben. Sofortiges Notieren oder Markieren heißt, Entscheidungen über die Bedeutung von Aussagen zu treffen, ohne den genauen Zusammenhang zu kennen (9). Oft werden dabei auch eher versprengte Aussagen und Elemente hervorgehoben, die der Autor an anderer Stelle bündelt und zusammenfasst.

  • Textkennzeichnungen sollten sparsam vorgenommen werden. Wenn in einem von Ihnen bearbeiteten Text die nicht-markierten Stellen - weil sie so selten sind - mehr auffallen als die markierten, dann sollten Sie ihr Vorgehen unbedingt überprüfen (10).

Sechstens: Verdichten und konservieren Sie das Gelesene durch Exzerpieren (d.h. durch auszugsweise Wiedergabe des Textes) und/oder Visualisieren (z.B. als Mind-Map).

Siebtens: Sprechen Sie über das, was Sie gelesen haben. "Nichts trägt mehr zum Verstehen bei, als das Gelesene zu kommunizieren" (11).

 


(1) Rückriem, Georg; Stary, Joachim; Franck, Norbert: Die Technik wissenschaftlichen Arbeitens. 10. überarbeitete Aufl. Paderborn: Ferdinand Schöningh, 1997, S. 137.
(2) Michelmann, Rotraud; Michelmann, Walter U.: Effizient und schneller lesen. Mehr Know-how für Zeit- und Informationsgewinn. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch, 1998, S. 23.
(3) A.a.O., S. 40.
(4) Kiesewetter zit.n. Stary, Joachim; Kretschmer, Horst: Umgang mit wissenschaftlicher Literatur. Eine Arbeitshilfe für das sozial- und geisteswissenschaftliche Studium. Frankfurt a.M.: Cornelsen Scriptor, 1994, S. 65ff.
(5) Michelmann, Rotraud; Michelmann, Walter U.: Effizient und schneller lesen. Mehr Know-how für Zeit- und Informationsgewinn. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch, 1998, S. 115.
(6) Rückriem, Georg; Stary, Joachim; Franck, Norbert: Die Technik wissenschaftlichen Arbeitens. 10. überarbeitete Aufl. Paderborn: Ferdinand Schöningh, 1997, S. 137.
(7) Stockinger, Gerhard; Badry, Elisabeth: Arbeitsverfahren und -techniken. In: Badry, Elisabeth; Knapp, Rudolf; Stockinger, Hans Gerhard (Hrsg.): Arbeitshilfen für Studium und Praxis der Sozialarbeit und Sozialpädagogik. 3., überarbeitete und ergänzte Aufl. Neuwied: Luchterhand, 1998, S. 131.
(8) Steindorf, Gerhard: Pädagogikstudium. Planung und Gestaltung. Bad Heilbrunn Obb.: Julius Klinkhardt, 1975, S. 219.
(9) Vgl. Stary, Joachim; Kretschmer, Horst: Umgang mit wissenschaftlicher Literatur. Eine Arbeitshilfe für das sozial- und geisteswissenschaftliche Studium. Frankfurt a.M.: Cornelsen Scriptor, 1994, S. 106.
(10) Vgl. ebd.
(11) A.a.O., S. 68.