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Lesen ist nicht nur eine unabdingbare Voraussetzung für erfolgreiches Studieren. Der Piaget Schüler Hans Aebli (1) geht noch viel weiter: "Beruflicher Erfolg und berufliches Fortkommen erfordern die Fähigkeit, mit ... Texten umzugehen. Wer es kann, kommt mit; wer darin versagt, bleibt sitzen oder geht unter, nicht nur individuell, sondern auch kollektiv: zusammen mit ganzen Wirtschaftszweigen, die im internationalen Wettbewerb abfallen."

Vor diesem Hintergrund ist es mehr als ernüchternd, wenn Lutz von Werder (2) als Ergebnis einer 1994 durchgeführten Umfrage zur Situation des wissenschaftlichen Lesens einen "Lesenotstand an deutschen Universitäten und Fachhochschulen" konstatiert. Die Rede ist dabei von mangelnder Sprachkenntnis, Motivation, Konzentration und analytischer Kompetenz.

Um zu vermeiden, dass sich nun alle Schuld auf einen "unfähigen Leser" konzentriert, darf daran erinnert werden, dass die Vermittlung der zum verstehenden Lesen notwendigen Kompetenzen - insbesondere mit Blick auf wissenschaftliche Literatur - genaugenommen kein ernstzunehmendes Thema in der didaktischen Landschaft darstellt. Die Suche nach einschlägiger Literatur bestätigt diesen Verdacht. Darüber hinaus offenbart sich bei genauerer Betrachtung der wenigen empfohlenen Maßnahmen zum Textverstehen eine gewisse Unlogik: alle Hinweise, Techniken, Ratschläge - wie Textmarkierungen, mind mapping, exzerpieren - setzen das, was sie zu vermitteln vorgeben, genaugenommen schon voraus.

Die Realität des Lesenotstands ist vermutlich eine Mischung aus "Trägheit" des Lesers und mangelnder Vermittlung textanalytischer Fähigkeiten auf Seiten des Bildungssystems.

Der notwendige Appell zur Besserung richtet sich daher

  • sowohl an den Leser - mehr zu lesen nämlich - , denn Lesekompetenz ist in nicht unerheblicher Weise das Ergebnis von Leseroutine,

  • als auch an Unterricht und Lehre, die dringend notwendigen "technischen" Instrumente zur Textanalyse zu vermitteln.

 

Erlauben Sie mir, liebe Leserinnen und Leser, an dieser Stelle ein Goethe-Wort zu zitieren, von dem ich nicht weiß, ob es Ihnen Trost zu spenden vermag, oder ob es Sie nicht noch weiter in die Trostlosigkeit des allgemeinen Lesenotstands hinein ziehen wird.

"Die guten Leutchen wissen nicht, was es einen für Zeit und Mühe kostet, um Lesen zu lernen. Ich habe achtzig Jahre dazu gebraucht und kann noch nicht sagen, daß ich am Ziel wäre."

 


(1) Aebli, Hans: Zwölf Grundformen des Lernens. Eine Allgemeine Didaktik auf psychologischer Grundlage. Medien und Inhalte didaktischer Kommunikation, der Lernzyklus. 7. Aufl. Stuttgart: Klett-Cotta, 1993, S. 115.
(2) Werder, Lutz von: Zur Situation des wissenschaftlichen Lesens an deutschen Universitäten und Fachhochschulen. In: HDZ Info 94. Informationen des hochschuldidaktischen Zentrums an der Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin. (1994), Heft 3, S. 4-21.